Anlagenbau, Elektronik, Gleispläne, Modellbau, Rollmaterial
10 verbreitete Irrtümer über die elektrische Modelleisenbahn

Die elektrische Modelleisenbahn gehört in den westlichen Kulturkreisen der Industrienationen aus historischen Gründen zu den Kulthobbys. Wer peinliches Nichtwissen beim Smalltalk vermeiden möchte, sollte diese 10 verbreiteten Irrtümer über das "schönste Hobby der Welt" kennen.

Modellbahn ist heute Hightech: Dampflokmodell von KM1 in der "Königsspur 1" (Maßstab 1:32): Baureihe 82 mit Zylinderdampf, fahrtrichtungsabhängiger Umsteuerung und auf die Baureihe abgestimmtem Sound (Foto: Spielwarenmesse / Alex Schelbert)

Modellbahn ist heute Hightech: Dampflokmodell von KM1 in der "Königsspur 1" (Maßstab 1:32): Baureihe 82 mit Zylinderdampf, fahrtrichtungsabhängiger Umsteuerung und auf die Baureihe abgestimmtem Sound (Foto: Spielwarenmesse / Alex Schelbert)

Die Eisenbahn und mit ihr die Modelleisenbahn verwenden in vielen Begriffen und Zusammenhängen eine ganz spezielle Fachsprache. Das führt zusammen mit werblich vereinfachten Aussagen, Szene-Jargon und Halbwahrheiten zu vielen Missverständnissen. Dabei kann völliges Nichtwissen, wie so eine elektrische Modelleisenbahn funktioniert, beim Party-Smalltalk oder unter Kollegen auch peinlich werden, so ähnlich, als wenn man (bzw. Mann) die Abseitsregel nicht erklären kann.

Im Folgenden habe ich daher die Top 10 der Irrtümer rund um die elektrische Modelleisenbahn für Sie zusammengestellt. Mit der folgenden Aufstellung umgehen Sie typische Fallen der Szenesprache und gewinnen einen unterhaltsamen Einblick in die Funktion der kultigen Modellbahn-Miniaturwelten. 

Irrtum 1: Die "Märklin-Bahn"

Wer ein Papiertaschentuch meint, sagt oft einfach "Tempo-Taschentuch". Das ist perfektes Marken-Marketing. Wer eine Modelleisenbahn meint, sagt oft einfach "Märklin-Eisenbahn". Das spricht zwar für die Werbeabteilung des Göppinger Modellbahn-Pioniers, ist sachlich aber ein Irrtum. Denn Märklin war im Jahr 1926 zwar die erste Firma, die eine elektrische Modelleisenbahn auf den Markt gebracht hat, das damalige Spur 1 Mittelleiter-System (Maßstab 1:32), das mit Wechselstrom angetrieben wurde, gibt es aber schon lange nicht mehr.

Heute meint "Märklin-Modellbahn" in der Szene nur H0-Modelle der Marke Märklin, die auf dem Märklin-Mittelleitersystem (Märklin-Dreileitersystem) fahren. Die anderen Nenngrößen werden zur Unterscheidung beispielsweise als "Märklin Spur 1" oder "Märklin Spur Z" bezeichnet, nicht zu vergessen die Marken Trix und LGB, die ebenfalls Märklin gehören. Also: Eine Modelleisenbahn ist eine Modelleisenbahn, keine Märklin-Bahn.

Irrtum 2: Spurweite und Maßstab

Ähnliches Begriffs-Wirrwarr, teils sogar durch die Hersteller befördert, herrscht zwischen "Spurweite" (auch: Spurgröße, Spurbreite) und "Maßstab". Sogar in Produktbeschreibungen ist fälschlich teils von "Maßstab H0" zu lesen. Die weit verbreitete Nenngröße H0 ("Halb Null") hat eine Spurweite von 16,5 mm.

Allerdings können auf dieser Spurweite nicht nur Regelspur-Modelle im Maßstab 1:87 korrekt dargestellt werden. Das Gleis mit der Spurweite 16,5 mm kann auch als Schmalspurgleis interpretiert werden, dann ist der Maßstab nicht H0, sondern 0e (Null e), im Vorbild eine Schmalspurbahn mit 700 mm Spurweite. Einfach gesagt: Spurweite und Maßstab haben nichts miteinander zu tun.

Irrtum 3: Die Modellbahn ist eine maßstäbliche Wiedergabe des Vorbilds

Bei jedem Modellbau, die Modelleisenbahn eingeschlossen, spielt die Maßstäblichkeit eine zentrale Rolle. Wenn also in der Nenngröße H0 (Maßstab 1:87) ein Haltepunkt mit einer Bahnsteiglänge von nur 100 Metern maßstäblich dargestellt werden soll, ist der schon rund 1,15 Meter lang. Im gängigen Gartenbahn-Maßstab von 1:22,5 wären über 4,40 Meter erforderlich.

Es ist also die große Kunst des Modellbauers, ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen. Eine tatsächliche, streng maßstäbliche Nachbildung kann es nicht geben. Speziell viele Gebäude werden daher von vorne herein in verkleinerten Maßstäben entworfen, auch wenn das Rollmaterial auf einer Anlage streng maßstäblich ausgeführt ist.

Irrtum 4: Gleise und Schienen

Ob Modelleisenbahner oder nicht – begrifflich herrscht zwischen "Gleisen" und "Schienen" ein Durcheinander. Und das nicht nur bei der Modelleisenbahn: Sogar bei Modell-Autorennbahnen à la "Carrera" wird bei den Elementen der Fahrstrecke zuweilen von "Schienen" gesprochen. Richtig ist: Der Gleiskörper der Bahn besteht aus Unterbau und Oberbau, auf dem Gleiskörper liegen die beiden Metallschienen, die den Fahrweg bestimmen. Das Ganze wird vereinfacht als "Gleis" bezeichnet. Die Elemente eines Gleissystems der Modellbahn sind jedoch keine "Schienen", besser ist es, universell von Gleiselementen zu sprechen.

Irrtum 5: Die Modellbahn und ihre Anhänger

Sprachlich sind die Jargons vieler Fachsprachen und Hobbys voller Fallstricke. Das betrifft auch die Modelleisenbahn, die viele Bezeichnungen der Vorbildbahn verwendet. Doch während die Vorbildbahn von Triebfahrzeugen (TFZ) redet, macht das bei der Modellbahn niemand, da ist "Lokomotive" oder "Lok" die normale Bezeichnung für die angetriebenen Fahrzeuge.

Güter und Fahrgäste transportiert die Bahn in Wagen ("Wagenstandsanzeiger"), man kann genauso Waggon sagen. Es ist aber ein Irrtum, dass ein Zug der Bahn oder Modellbahn "Anhänger" hat, auch "Hänger" hört man zuweilen, ein klarer Fall von sprachlichem Fauxpas.

Irrtum 6: Signale und die Fahrtrichtung

Wer keine Holzfäller-Waldbahn, sondern eine Hauptstrecke nachbilden möchte, kommt beim Wunsch nach maximaler Vorbildnähe nicht um Signale umhin. Es ist allerdings ein Irrtum, dass die Signale da nur zur optischen Verbesserung herumstehen und wie beim Autoverkehr nach Lust und Laune überfahren werden können.

Denn die Signale sind bei korrektem Anschluss so verschaltet, dass der Zug vor einem Halt-Signal (Hp0) in jedem Fall stehen bleibt. Auch kann auf einer mit Signalen ausgestatteten Strecke nicht einfach in Gegenrichtung gefahren werden, dies lässt sich nur schaltungstechnisch recht aufwändig mit einem Falschfahrtmodul erreichen.

Irrtum 7: Das rote Licht

Mit den modernen Leuchtdioden (LED / SMD-LED) kann man Modellbahn-Lokomotiven wunderbar vorbildentsprechend beleuchten. Nur ist das ab Werk bei kaum einem Modell der Fall. Es ist ein Irrtum, dass (wie beim Kfz) eine Lok vorne weißes und hinten rotes Licht entsprechend der Fahrtrichtung hat.

Denn beim Vorbild gibt es nur beim Zugschluss ein rotes Licht, die Lok hat hinten gar kein Licht geschaltet, wenn Waggons angehängt sind. Im Schiebebetrieb ist also das Spitzenlicht (Wendezug) der Lok aus, und nur das Rücklicht eingeschaltet. Das in vielen Modellen von Streckenloks anzutreffende Lichtensemble vorne und hinten weißes Licht ist noch sinnloser, denn das wird ausschließlich im langsamen Rangierbetrieb eingesetzt.

Irrtum 8: Elektrische Modelleisenbahnen fahren mit Gleichstrom

Jetzt wird es kompliziert, denn aus historischen und technischen Gründen fahren elektrische Modellbahnen je nach System mit Gleichstrom, mit Wechselstrom oder dem "Digitalstrom", dabei handelt es sich um eine gepulste Rechteckspannung. Das kommt also ganz auf das System und den verwendeten Motoren in den Triebfahrzeugen an. Die Zahl der mit Gleichstrom betriebenen Modellbahn-Anlagen nimmt mit der Zahl der digital betriebenen Systeme rapide ab.

Irrtum 9: Modelle von Schmalspurbahnen sind kleiner

Bei der Echtbahn (Vorbildbahn) haben Schmalspurbahnen den Sinn, den Aufwand bei Bau und Betrieb zu reduzieren und besser um enge Gleisbögen fahren zu können. Daher sind sie vor allem in Gebirgsregionen anzutreffen. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass auch die Fahrzeuge (Lokomotiven und Waggons) deshalb kleiner sind.

Es gibt eine Vielzahl von Schienenfahrzeugen, die mit Radsätzen unterschiedlicher Spurweiten für den Betrieb auf Normalspur und Schmalspur ausgestattet werden können. Das ist bei der Modellbahn ganz genauso. Bestes Beispiel hierfür ist die "Gartenbahn" der Marke LGB, die ursprünglich ein Modell nach dem Vorbild einer Schmalspurbahn war. Heute gibt es für diese elektrische Modellbahn mit einer Spurweite von 45 mm aber auch Modelle nach Vorbildern von Fahrzeugen für die Regelspur, und beide Modellvarianten sind gleichgroß ausgeführt. Zugegeben: Dies führt immer mal wieder zu heftigen Kontroversen.

Irrtum 10: Eine moderne Modellbahn-Anlage ist digital

Das versuchen die Marketing-Abteilungen der Hersteller zwar gerne so zu kommunizieren, ist aber an der Realität vorbei. Kein cleverer Modellbahner nimmt beispielsweise bei einer digitalen Anlage Betriebsspannung aus dem Gleis, um damit seine Modellgebäude zu beleuchten. Das wird mit einer separaten Ringleitung gemacht, die um bzw. unter der Anlage läuft und einfach eine analoge Gleichspannung der erforderlichen Spannung (meist 12 Volt) und Stromstärke liefert. Daran ist wirklich gar nichts digital. Richtig ist also: Auf modernen Modellbahn-Anlagen sind Steuerung und Fahrzeuge digitalisiert, aber wichtige Elemente, beispielsweise Beleuchtungen oder motorische Effekte, werden meist ganz klassisch mit "analogem Strom" versorgt. Auch ist ein Parallelbetrieb z.B. einer digitalisierten Hauptstrecke mit einer klassischen, analogen Schmalspurstrecke auf einer Anlage keine Seltenheit.

Literaturempfehlungen 

 

 

Von: Rudolf Ring