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Samstag 28. Oktober 2006
Bomben-Stimmung - Krieg und Propaganda im Gesellschaftsspiel

Sonderausstellung im Spielzeugmuseum Nürnberg bis Februar 2007

Spiele sind nicht nur ein vergnüglicher Zeitvertreib, sie spiegeln oft auch den historischen Kontext ihrer Entstehungszeit wider. Angesichts der Allgegenwart von Gewalt und Krieg ist es daher kaum verwunderlich, dass auch die überwiegend heitere Welt der Spiele ihre düsteren Seiten hat. Vor diesem Hintergrund zeigt die Sonderausstellung des Spielzeugmuseums anhand von zahlreichen Brettspielen, Kartenspielen und Puzzles, welchen Niederschlag speziell die Vorbereitung und der Verlauf des Zweiten Weltkriegs im Spiel gefunden haben. In Zusammenarbeit mit der niederländischen Stiftung „Wist jij dat?“ werden etwa 200 Brett- und Kartenspiele sowie Puzzles aus der privaten Sammlung Gejus van Diggele präsentiert.

Die Exponate stammen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Krieg führenden Ländern. Dadurch wird ein direkter Vergleich der Methoden zur propagandistischen Beeinflussung der Spielenden ermöglicht. Keine Epoche hat so viele Kriegs- und Propagandaspiele hervorgebracht wie die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Waren die ersten Kriegsspiele nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland noch von der politisch-moralischen Auseinandersetzung mit dem Versailler Vertrag geprägt, ging es später darum, neue Kriegstechniken und die vermeintliche Überlegenheit des deutschen Militärs durch Spiele bekannt zu machen. Spiele wie „Deutschland erwache“ oder „Wehr-Schach Tak Tik“ sind beredte Beispiele dafür. Bei Spielen wie „Oh, welche Lust Soldat zu sein“ oder „Tanks greifen an“ drehte es sich darum, für die Armee und den Aufbau einer Luft- und Panzerwaffe zu werben.

Immer mehr wurde die deutsche Bevölkerung durch die Inszenierung griffiger Feindbilder auf den kommenden Krieg eingeschworen. Viele Spiele dienten der Belehrung und Propaganda, aber auch Unterhaltung und Ablenkung  spielten eine wichtige Rolle. Spiele sollten im wahrsten Sinn des Wortes „Bombenstimmung“ und „Mordslaune“ verbreiten, wie etwa das als „Würfelkampfspiel“ bezeichnete Brettspiel mit dem einprägsamen Namen „Peng!“. Besonders wichtig war dies für Frontsoldaten, die sich Einsatzpausen gern mit Spielen aller Art vertrieben. Für sie wurden – wie im Ersten Weltkrieg – Feldpostspiele wie Dame, Mühle und Halma hergestellt. Für die Familien zu Hause wurde das Fronterlebnis auf den Wohnzimmertisch transferiert.

Im Verlauf des Krieges kam dem Bombenterror aus der Luft immer größere Bedeutung zu. Viele Spiele machten deshalb den Luftkampf zum Thema: „Stukas greifen an“, „Feindliche Flieger in Sicht“ oder „Bomben auf England“ sind nur einige Titel. Im Gegenzug brachten die Alliierten Spiele wie „Bomb Berlin“ oder „Target Tokyo“ heraus. Bei dem amerikanischen Geschicklichkeitsspiel „Atomic Bomb“ konnte man sogar zwei „Bomben“ durch Schütteln auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abwerfen. In allen Ländern spürten die Menschen die dramatischen Auswirkungen des Kriegs auf das tägliche Leben. Sie hatten sich mit Materialknappheit und Energiemangel, Verdunkelung und Ausgangssperren auseinanderzusetzen, Themen, die sich auch in entsprechenden Spielen wieder fanden. Erzieherischen Zwecken dienten Spiele wie „Achtung! Feind hört mit!“ oder „Flieger-Alarm“, die richtiges Verhalten bei Angriffen lehren sollten.

Wer kein Geld für den Kauf von Spielen besaß oder in Gefangenschaft geraten war, bastelte sich seine Spiele selbst. Dies gilt sogar für manche Häftlinge in Konzentrationslagern, die im Spiel Ablenkung und Trost suchten. Auch einige dieser Spiele, aus einfachsten Materialien und unter schwierigsten Umständen hergestellt, werden in der Ausstellung gezeigt. Der Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland brachte keineswegs ein Ende der kriegsbezogenen Spiele. Spielehersteller in den siegreichen bzw. von der deutschen Herrschaft befreiten Staaten passten sich aber der neuen Situation an und brachten nun Gedenk- und Dankspiele auf den Markt. Manches Spiel bezog sich auch auf die kriegsbedingten Einschränkungen oder erlaubte eine ganz persönliche Abrechnung mit den Kriegsverbrechern. So konnte man im holländischen „Dictatorspel“ spielerisch Hitler und Mussolini „um die Ecke bringen“. Befreiungs-Kartenspiele zeigen die beiden Diktatoren als „Joker“ und den Premier Churchill als „Sunnyboy“.

Die Ausstellung präsentiert die Spiele in mehreren Themenblöcken: Nach einem einführenden Teil mit Spielen zwischen den Weltkriegen werden die zentralen Themen „Krieg als Spiel“ und das „Leben während des Krieges“ gezeigt. Weitere Stationen sind „Spiele für Frontsoldaten“ und „Spiele in der Gefangenschaft“. Der letzte Teil widmet sich den „Spielen zum Kriegsende“. Jedes Spiel und jedes Puzzle wird erklärt und in seiner historischen Dimension erläutert. Das Konzept geht auf den niederländischen Sammler Gejus van Diggele zurück, der seit vielen Jahren ein besonderes Interesse an Spielen als Medium für Propaganda, Information und Unterhaltung hat. Seine erste Ausstellung zu diesem Thema war 1994 in Gouda zu sehen. Weitere Ausstellungen in mehreren europäischen Ländern folgten.

Es ist das Anliegen von Gejus van Diggele und der  von ihm mitbegründeten Stiftung „Wist jij dat?“, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als Warnung vor Hass, Gewalt, Machtmissbrauch und Manipulation von Menschen wach zu halten. Zugleich kann aber am Beispiel der historischen Kriegs- und Propagandaspiele durchaus auch der Blick geschärft werden für das Gefahrenpotential, das in den Gewaltspielen des virtuellen Zeitalters mit ihren beklemmend realistischen Szenarien und hemmungslosen Tötungsphantasien schlummert.

Von: Pressemeldung Museen der Stadt Nürnberg